documenta 5 (1972)

Nachdem sich mit der 4. documenta bereits ein struktureller Umbruch angebahnt hatte, wurde 1972 mit Harald Szeemann erstmalig ein allein verantwortlicher künstlerischer Leiter eingeführt – die Ära Bode ging damit zu Ende. Mit dem Titel „Befragung der Realität – Bildwelten heute“ gab Szeemann der documenta 5 erstmals eine programmatische Richtung. Das ursprüngliche, 1970 entwickelte Konzept eines „Hundert-Tage-Ereignisses“, das anstelle des „Museums der 100 Tage“ rein aktionistisch-performativ angelegt war, wurde wieder verworfen, wohl auch aufgrund von Erfahrungen mit früheren Ausstellungen wie zum Beispiel der Schau Happening und Fluxus von 1970, die unter massiven Bürgerprotesten beendet wurde.

Quasi antithetisch zu den ersten, weitgehend der Abstraktion verpflichteten documenta-Ausstellungen hielt nun die – wie auch immer geartete – „Realität“ Einzug: in der Malerei mit fotorealistischen Positionen (Robert Bechtle, Chuck Close, Richard Estes, Franz Gertsch), in der Skulptur mit lebensnahen Menschendarstellungen und Environments (John De Andrea, Duane Hanson, Edward Kienholz, Paul Thek). „Individuellen Mythologien“ wurden sogenannte „parallele Bildwelten“ gegenübergestellt: Bildwelten der Frömmigkeit, politische Propaganda, Trivialrealismus (Kitsch), Werbung und Warenästhetik und die „Bildnerei der Geisteskranken“ – Alltagstrivialität und persönliche Obsessionen existierten gleichwertig nebeneinander. Hinzu kamen nach dem Vorbild von Marcel Duchamps Boîte-en-valise (1935–41) eine Abteilung mit Künstlermuseen wie Claes Oldenburgs Maus Museum (1972) oder Marcel Broodthaers’ Musée d’Art Moderne, Département des Aigles, Section d’Art Moderne (1972).

Auch Concept Art und Happening prägten das Bild der documenta 5, und wenn auch das Ereignis-Konzept in seiner radikalen Form nicht realisiert wurde, so gab es doch eine Reihe von Kunstwerken, die über die gesamten 100 Tage performativ aktiviert wurden: Joseph Beuys mit seinem Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung, Gilbert & George oder Ben Vautier, die die documenta 5 als lebendige Skulpturen bewohnten, der Performanceraum von Vito Acconci im Fridericianum oder Anatols Werkstatt Arbeitszeit (1970) im Hof.

Insgesamt hat die documenta 5 mit dem von Ed Ruscha gestalteten Plakat, auf dem wimmelnde Ameisen den Schriftzug bilden, wie kaum eine andere Ausgabe bis heute Gültigkeit, wenn nicht Kultstatus. Das mag vor allem auch an dem von Szeemann selbst indizierten „subversiven Kern“ liegen – erstaunlicherweise wurde die documenta 5 zu ihrer Zeit sowohl vom konservativen als auch vom linken Lager heftig kritisiert. Den einen war sie zu prozesshaft, zu soziologisch, den anderen zu Kunst-affirmativ, zu wenig radikal. Szeemanns Bekenntnis zur „art pour l’art“ wurde 1972 als Provokation begriffen.

 

Mit der Ersetzung kunsthistorischer Definitionsmacht durch individuelle Mythologien steht die documenta 5 für einen Umbruch und ist trotz oder gerade wegen der sie begleitenden Kontroversen und inhärenten Widersprüche maßgeblich geworden für eine zeitgenössische Ausstellungspraxis und die Rolle des Ausstellungsmachers. 



Maria Giakzidou

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8. April–16. Juli 2017

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