documenta 6 (1977)

Die zeitliche Abfolge der documenta-Ausstellungen bedeutet nicht, dass die einzelnen Ausstellungen zwangsläufig aufeinander aufbauen, jede documenta „erfindet sich neu“ – und dennoch ist jede auch eine Reaktion auf die vorangegangene. Die von Manfred Schneckenburger kuratierte documenta 6 entwickelte in gewissem Sinne weiter, was die documenta 4 und 5 vorbereitet hatten, nämlich die Ausweitung des künstlerischen Feldes. Letztere beide Ausstellungen hatten Kunstrichtungen wie die Pop Art, den Fotorealismus und Fluxus erstmals in Deutschland einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, die documenta 6 dann hat dieses neu gewonnene ästhetische Terrain mit seinen künstlerischen Reflexionen des kapitalistischen Alltags nicht nur gesichert, sie vergrößerte es noch. So wurden 1977 erstmals auf einer documenta Künstlerbücher und historische Fotografien aus 140 Jahren Fotogeschichte ausgestellt, auch das Autorenkino feierte Premiere. Die Abteilung „Utopisches Design“ dachte visionär über die Probleme und Entwicklungschancen des Kraftfahrzeugs nach, und noch nie zuvor war so viel Videokunst auf einer documenta zu sehen gewesen.

Selbstverständlich war gerade Letzteres dem Konzept der Ausstellung geschuldet, ging es ihr doch um „eine Idee der medienkritischen 70er“ Jahre: An die Stelle der (technikgläubigen) Begeisterung für die Massenmedien, die noch in den 1960er Jahren vorherrschend gewesen war – wenn Schneckenburger von einer „medieneuphorischen“ Zeit sprach, schloss dies auch die künstlerischen Medien mit ein –, trat in der Medienwelt der 70er Jahre eine kritische Grundhaltung auf den Plan, die die zunehmende Macht der Medien und ihre realitätsverzerrenden Momente in den Fokus rückte. Wie die Welt sich immer mehr nach den Medien richtete und eben nicht mehr umgekehrt, diese neue Entwicklung war damals nicht zuletzt durch die Strategie der terroristischen Rote Armee Fraktion deutlich geworden, die besonders das bundesdeutsche Fernsehen für eigene Propagandazwecke nutzen konnte.

 

Doch die documenta 6 begnügte sich nicht mit einer weitreichenden Medienkritik, sie konzentrierte sich auch auf die Untersuchung der medialen Qualitäten von Kunst, auf die „Selbstreflexion der künstlerischen Medien“, wie Schneckenburger in seinem Katalogvorwort schreibt. So war Malerei über Malerei ebenso zu sehen wie Film, der seine eigene visuelle Grammatik offenlegte, und Skulpturen, die ihre Möglichkeiten im öffentlichen Raum bedachten. Die daraus erwachsende Selbstreferenzialität vieler der ausgestellten Exponate lotete die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten von Kunst in der postmodernen Eventgesellschaft aus. Und sie betonte die aus den jeweiligen medialen Strukturen sich ergebenden formalen Eigentümlichkeiten der Künste, statt wie in den vorangegangenen documenta-Ausstellungen mit mehr oder weniger verstörender Inhaltlichkeit sich behaupten zu wollen. Genau hier lag dann die Differenz zur documenta 4 und 5.



Maria Giakzidou

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Athen:
8. April–16. Juli 2017

Kassel:
10. Juni–17. September 2017


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