documenta 8 (1987)

Eigentlich hätten Edy de Wilde und Harald Szeemann die documenta 8 gemeinsam leiten sollen, inhaltliche Differenzen aber führten dazu, dass diese Zusammenarbeit vorzeitig beendet wurde. Manfred Schneckenburger übernahm daraufhin kurzfristig das Amt des künstlerischen Leiters und war somit – nach Bode – der Erste und bisher Einzige in der documenta-Geschichte, der dieses Amt zweimal innehatte. Nicht zuletzt der kurzen Vorbereitungszeit war es wohl geschuldet, dass Schneckenburgers documenta 8, genau wie die documenta 7, auf ein theoretisches Konzept verzichtete. Anders als ihre Vorgängerausstellung beharrte die documenta 8 aber wieder auf der gesellschaftspolitischen Verantwortung der Kunst; statt auf ästhetischer Autonomie bestand man in vielen der präsentierten Arbeiten dezidiert auf einer „funktionale[n] Einbindung der Kunst“, wie Elke Bippus in einem Text über die Ausstellung schrieb.

Schneckenburgers Verdienst war es, die Frage nach der politischen Qualität der Kunst erstmals auf der documenta nicht mehr vorrangig in Denkmodellen der Moderne, sondern in solchen der Postmoderne zu stellen. Für Schneckenburgers zweite documenta bedeutete diese postmoderne Vorstellung zum einen eine inhaltliche Ausrichtung, in deren Fokus vor allem die Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg stand. Zum anderen wurden in formaler Hinsicht immer wieder die Wechselbeziehungen von Architektur, Design und Kunst untersucht. So verwundert es nicht, dass die Malerei auf dieser documenta eine deutliche geringere Rolle spielte als fünf Jahre zuvor und stattdessen Skulpturen und Installationen, Videos und Performances im Vordergrund standen.

Die Installation Kontinuität (1987) von Hans Haacke etwa steht mustergültig für Schneckenburgers kuratorischen Ansatz. Haacke hatte in der Rotunde des Fridericianums ein Setting inszeniert, das auf den ersten Blick an die repräsentative Eingangshalle eines großen Unternehmens erinnerte. Hinter dem zur Skulptur vergrößerten Logo der Deutschen Bank gekrönt von einem Mercedes-Stern hing ein Foto von einem Beerdigungszug in Südafrika. Informationstafeln und Zimmerpflanzen umrahmten das Ensemble, das auf die Rolle dieser beiden deutschen Traditionsunternehmen in der damaligen Apartheidpolitik in Südafrika verwies. Beide Firmen hatten sich in den 1980er Jahren in ihrer skrupellosen Geschäftspolitik nicht an internationale Boykott-Aufrufe gegen Südafrika gehalten. Der Schotte Ian Hamilton Finlay schuf mit seiner Guillotinen-Reihe A View to the Temple (1987) eine der bekanntesten Arbeiten der documenta 8, und auch sie überzeugte durch ihr quasi „anti-utopisches“ Engagement. In der Karlsaue standen da gleichsam „in Reih und Glied“ hölzerne Guillotinen mit bronzenen Fallbeilen. Auf Letzteren waren Zitate von Revolutionstheoretikern eingraviert, die am Beispiel der Französischen Revolution thematisierten, wie utopisches Gedankengut zu Terror und Gewalt führen kann. 

Die US-amerikanische Künstlerin Barbara Kruger wiederum zeigte ihre Fotoarbeit Untitled (Endangered Species) (1987), auf der drei angsterfüllte menschliche Gesichter zu sehen sind. Über ihnen hatte Kruger den Schriftzug „Endangered Species“ (gefährdete Arten) montiert und somit ein mögliches Ende der (menschlichen) Geschichte künstlerisch ins Spiel gebracht.

Trotz solcher prägnanten Arbeiten musste sich die documenta 8 damals unter anderem ob ihrer vermeintlichen „Beliebigkeit“ der Werkauswahl – immerhin nahmen 405 Künstlerinnen und Künstler an der Ausstellung teil – zum Teil scharfer Kritik stellen.



Maria Giakzidou

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