documenta 9 (1992)

Die documenta 9 gilt als eine der populärsten documenta-Ausstellungen, was nicht zuletzt an ihrem künstlerischen Leiter Jan Hoet liegt. Dem charismatischen Belgier gelang es, seine Begeisterung für die Kunst und für seine documenta medienwirksam zu inszenieren. Und er vermittelte dabei programmatische Ansätze, die auch Besuchern, die nicht zu den ausgewiesenen Kunstkennern zählten, schnell nahezubringen waren: Hoet wollte mit seiner Ausstellung den Menschen und seine sinnliche, wahrnehmende, leidende und von einer zunehmend digital-virtualisierten Welt verdrängte Körperlichkeit in den Mittelpunkt rücken. „Vom Körper zum Körper zu den Körpern“ lautete das poetisch-vielsagende Motto der documenta 9. Jan Hoet formulierte sein kuratorisches Anliegen so: „In einer Zeit, in der der Mensch mehr denn je mit Gefahren konfrontiert ist wie Aids und multinationalen Kriegen, mit Atomkatastrophen und globalen Klimakatastrophen, in einer Zeit, in der die Bedrohungen immer abstrakter und die Ängste immer diffuser werden, scheint mir nur noch ein Besinnen auf unsere körperlichen Bedingungen eine adäquate Antwort zu sein.“ 

Diese Antwort wollte Hoet finden, nicht nur in Zusammenarbeit mit seinem Team, bestehend aus Bart De Baere, Pier Luigi Tazzi und Denys Zacharopoulos, sondern nicht zuletzt, und dies war neu, in intensiver Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern. Vor allem die Verortung der jeweiligen Kunstwerke und der sich dabei entspinnende Dialog von Standort und Werk wurden in dieser unhierarchischen Zusammenarbeit diskutiert. Die Künstler waren von Beginn an verantwortlich am Entstehen der Ausstellung beteiligt. Neu an dieser documenta war aber auch, dass erstmals in ihrer Geschichte ihr „Eurozentrismus“ kritisiert wurde. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war langsam ein breites Bewusstsein dafür entstanden, dass auch in Asien und in der sogenannten „Dritten Welt“ durchaus interessante Kunst geschaffen wird.

Fast schon als Leitmotiv für die documenta 9 fungierte Bruce Naumans Video-Installation Anthro/Socio (1992) im Foyer des Museum Fridericianum. Eine Menschenfigur, genauer: die Figur eines kahlen Männerkopfes, drehte sich, auf aufeinanderstehenden Monitoren sechsfach multipliziert, isoliert von ihrer Umwelt hilferufend um sich selbst. „Help me, hurt me, Sociology, feed me, eat me, Anthropology“ ertönte als akustische Endlosschleife. Die von der Männerfigur formulierten Gegensätze „Helfen“ und „Verletzen“, „Füttern“ und „Fressen“ betonten das Gefangensein des Menschen in unauflöslichen existenziellen Widersprüchen.

Der Außenraum als „Ort des Flanierens und der gedanklichen Ausflüge“ kündigte sich schon aus der Ferne an, ragte doch Jonathan Borofskys Man Walking to the Sky (1992) auf dem Friedrichsplatz etwa 15 Meter hoch in den Himmel. „Himmelsstürmer“ tauften die Kasseler diese Männerfigur, die unbeirrt auf einem 25 Meter langen, in einem Neigungswinkel von 63 Grad aufgestellten Stahlrohr nach oben zu gehen scheint. Die Skulptur war damals so populär, dass sie mithilfe einer Sammel- und Spendenaktion von der Stadt angekauft werden konnte – heute steht sie auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Ebenfalls in Kassel verblieben Thomas Schüttes Keramik-Skulpturengruppe Die Fremden (1992) – auf dem Vordach des Roten Palais –, Per Kirkebys Raumskulptur (1992) und zwei – allerdings nie offiziell übergebene – Steinhälften (Untitled (1992)) von Jimmie Durham, die der Künstler zur documenta 13 (2012) erneut ausstellte und dann wieder mitnahm.

Erstmals wurden für die documenta auch eigene Gebäude errichtet, wie die temporären Aue-Pavillons im Park („Ort dionysischer Leichtigkeit“). Die gerade fertiggestellte, am Hang zur Karlsaue gelegene documenta-Halle beherbergte als „Ort der Demokratie“ unter anderem Installationen von Absalon, Jean-Pierre Bertrand, Cildo Meireles, Matt Mullican und Panamarenko. Eine Atmosphäre höchster Intensität schuf Rebecca Horn mit ihrer Installation Der Mond, das Kind, der anarchistische Fluß (1992) in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule. Aufsehen erregteauch das Begleitprogramm, hatte Jan Hoet doch neben Jazz und Baseball auch Boxveranstaltungen in dieses Kunstereignis integriert. Hoet begründete dies damit, dass das Boxen eine körperliche Handlung sei, die dem Leben nahestehe, „weil sie aus dem Leben selbst hervorgegangen“ sei. 



Maria Giakzidou

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Athen:
8. April–16. Juli 2017

Kassel:
10. Juni–17. September 2017


Website:
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