documenta 12 (2007)

Das erste Mal in der documenta-Geschichte wurde die Kasseler Großveranstaltung 2007 von einem Kuratorenpaar geleitet, und zwar von dem eigentlich berufenen Künstlerischen Leiter Roger M. Buergel und der Kuratorin Ruth Noack. Nur inoffiziell allerdings agierten sie als „Doppelspitze“, denn offiziell lassen die Statuten der documenta keine zwei Leiter zu. Beide hatten sich eine programmatische Setzung auf ihre Fahnen geschrieben, und diese hieß: „Migration der Form“. Gemeint war damit, dass die visuelle Kultur in der Menschheitsgeschichte mit wenigen Grundformen auskommen muss, die dann in der Kunstgeschichte in unterschiedlichen Zusammenhängen und inhaltlichen Ausrichtungen genutzt werden. Buergel/Noack betonten, dass „aktuell nicht heißt, dass die Werke gestern entstanden sind. Sie müssen für uns Heutige bedeutsam sein. Die documenta 12 zielt auf historische Entwicklungslinien in der Kunst ebenso wie auf unerwartete Gleichzeitigkeiten“. Um diese „unerwarteten Gleichzeitigkeiten“ sichtbar zu machen, wurden Kunstwerke verschiedener Jahrzehnte und Kulturen, in denen ähnliche formale Muster auftauchten, zueinander in Beziehung gesetzt. Dem sollte sich eine „Wanderung“ ästhetischer Formen über Zeit- und Kulturgrenzen hinweg bis hin zur Kunst unserer postmodernen Welt ablesen lassen. In der Neuen Galerie wurde dieser plakative Formalismus durch verschiedenfarbig grundierte Wände noch betont. Aus dem Migrationsmoment resultierte ein hoher Prozentsatz von Künstlern aus Afrika, Asien und Osteuropa. Neu war dabei die Einbeziehung älterer Kunst, die Spanne reichte von persischen Miniaturen des 14. Jahrhunderts bis zu globaler Kunst der letzten Jahrzehnte. Nicht nur wurden hier in ihrer Heimat längst bekannte Künstlerinnen und Künstler wie etwa Nasreen Mohamedi erstmals in Deutschland einem breiten Publikum präsentiert; es „migrierten“ auch Werke einiger exemplarisch herausgestellter Künstler – John McCracken, Kerry James Marshall, Charlotte Posenenske, Gerwald Rockenschaub – durch alle Ausstellungsorte.

Neben dem temporär für die documenta 12 errichteten Aue-Pavillon auf der Karlswiese – mit 9500 Quadratmetern die größte Ausstellungsfläche, wobei sich das als „Kristallpalast“ konzipierte Gewächshaus nicht nur klimatechnisch als problematisch erwies – stand die Skulptur Template (2007) von Ai Weiwei, ein Turm aus jahrhundertealten Türen zerstörter chinesischer Häuser (der Turm brach bei einem Unwetter zusammen und verblieb dann in seiner zerstörten Form an jenem Ort). Der chinesische Künstler hatte außerdem für Fairytale (2002) 1001 seiner Landsleute eingeladen, nach Kassel auf die documenta zu kommen, eine Einladung, die angesichts der politischen Lage in der Diktatur Chinas und dem Ausreiseverbot für viele Menschen von hoher Brisanz war. Für jeden der 1001 Eingeladenen hatte Ai Weiwei einen Holzstuhl aus der Quing-Dynastie nach Kassel gebracht, die im Museum Fridericianum, im Aue-Pavillon und in der Neuen Galerie ausgestellt waren und vom Vermittlungsprogramm als „Ruheinseln“ für Diskussionen genutzt wurden. Ai Weiweis Aktion stellt zum einen das Thema „Migration“ in einen konkreten politischen Zusammenhang und brachte zum anderen Geschichte, Gegenwart und zeitübergreifendes Design in einen vielschichtigen Dialog.

Vor dem Fridericianum pflanzte Sanja Ivekovic ein Mohnfeld (2007), das den Friedrichsplatz in einen „Roten Platz“ verwandelte und bei aller vordergründigen Schönheit die verschiedensten Assoziationen wachrief, die sich mit der Farbe Rot verbanden – von der kommunistischen Flagge bis hin zu dem Blut, das in Afghanistan im Zusammenhang mit dem Anbau von Klatschmohn zur Heroingewinnung vergossen wird. Peter Friedls The Zoo Story (2007) in der documenta-Halle gehörte ebenfalls zu den populären Arbeiten der Ausstellung. Das 3,5 Meter hohe Präparat einer ausgestopften Giraffe stammte aus einem Zoo im Westjordanland: Bei einem israelischen Militäreinsatz war das Tier in Panik geraten, gestürzt und seinen Verletzungen erlegen. Der Tierarzt des Zoos fertigte daraufhin amateurhaft ein Präparat an, das von Friedel erworben und nach Kassel transportiert wurde, wo es zwischen stilisierten Gartenteppichen aus dem Iran und Stofftierskulpturen von Cosima von Bonin stand.

Mit der Einbeziehung des Kulturforums Schlachthof in der Nordstadt und dem Schloss Wilhelmshöhe, wo documenta-Kunstwerke in die bestehende Sammlung Alter Meister integriert wurden – so etwa Danica Dakics vor Tapisserien aus dem Kasseler Tapetenmuster gedrehtes Video El Dorado (2007) –, breitete sich die documenta 12 weit über das Kasseler Stadtgebiet aus. Besondere Nähe zu Kassel wurde im Vorfeld mit der Errichtung eines documenta-Beirats aus 40 engagierten Kasseler Bürgern gesucht, die fortan einbezogen wurden in verschiedene Bereiche der Konzeption und der Vermittlung, der als „integralem Bestandteil der kuratorischen Komposition“ ein hoher Stellenwert zukam.


Maria Giakzidou

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