documenta 13 (2012)

Zum zweiten Mal nach 1997 wurde die documenta 2012 von einer Frau geleitet. Carolyn Christov-Bakargiev, die einen Beraterkreis von „Agenten“ aus aller Welt um sich scharte, allen voran die Spanierin Chus Martínez, verwirrte die Presse im Vorfeld mit Nicht-Konzept, Ökofeminismus, Hundekalendern, einem absurd schwer zu behaltenden Titel Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit sowie der Ankündigung einer parallelen Ausstellung in Kabul, Afghanistan. Nach den Plattformen der documenta 11 ging die documenta 13 noch einen Schritt weiter, indem nicht nur Veranstaltungen im Vorfeld der Ausstellung außerhalb Kassels stattfanden, sondern erstmals auch ein Teil der Ausstellung selbst während ihrer Laufzeit. Für die Konzeption war jedoch zunächst noch ein anderer Ort wichtig: das außerhalb Kassels gelegene ehemalige Benediktinerkloster Breitenau, das unter den Nationalsozialisten ein Arbeits- und Konzentrationslager und später ein Mädchenerziehungsheim und eine psychiatrische Anstalt beherbergt hatte. Zwischen diesen beiden Orten, Kassel/Breitenau und Kabul/Bamiyan, legte die documenta 13 ein Hauptmotiv an, das wiederum an den Ursprungsgedanken der documenta anknüpfte: „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ (Collapse and Recovery) – also die Heilung von Kriegstraumata durch Kunst. Viele Künstlerinnen und Künstler (alle hatten im Vorfeld Kassel und Breitenau, einige auch Kabul und Bamiyan besucht) bezogen sich in den fast ausschließlich neu produzierten Arbeiten auf diese Orte – so etwa Omer Fast, Mariam Ghani, Goshka Macuga, Michael Rakowitz oder Clemens von Wedemeyer. In Kabul und Bamiyan fanden zudem Workshops statt, deren Ergebnisse wiederum in eine Ausstellung afghanischer Künstlerinnen und Künstler in Kassel einflossen. Während die Ausstellung in Kabul von 27.000 Besuchern gesehen wurde, fanden die Veranstaltungen in Kairo/Alexandria und Banff weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Mit diesen vier Orten verband Christov-Bakargiev weitere, zwischen ihnen oszillierende Daseinszustände, die für die documenta 13 programmatisch wurden: Auf der Bühne (Kassel), Unter Belagerung (Kabul), Hoffnung und Revolte (Kairo und Alexandria) und Rückzug (Banff).

Ein Aufbrechen der Strukturen fand auch auf zeitlicher Ebene statt: Offiziell begann die documenta 13 bereits im Mai 2010 mit der Errichtung von Giuseppe Penones Idee di Pietra (Ideas of Stone) (2003/2008/2010), einem Bronzebaum mit
Findling in der Krone in der Karlsaue. Hierin lag ein Verweis auf Christov-Bakargievs eigene Verwurzelung in der Arte Povera. Das Motiv des Baumpflanzens, seit Beuys eng mit der documenta verbunden, tauchte mit den Arbeiten von Korbinian Aigner und Jimmie Durham in anderen Momenten der Ausstellung wieder auf. Nicht zuletzt war der Anti-Anthropozentrismus ein weiteres wichtiges Thema der documenta 13: Saatgut, Äpfel und Hunde gehörten genauso dazu wie Mensch und Kunst.

Beim Betreten des Fridericianums fanden Besucher die ersten beiden Erdgeschossräume weitgehend leer vor, nur von einer kühlen Brise durchweht – eine Arbeit von Ryan Gander (I Need Some Meaning I Can Memorize (2012)). Einzige Exponate hier waren drei Skulpturen von Julio González, die an derselben Stelle schon auf der documenta 2 von 1959 installiert gewesen waren, sowie ein Absagebrief von Kai Althoff – eine faktische Teilnahme in Form einer Teilnahmeverweigerung, im Unterschied etwa zu Robert Morris’ wahrgemachter Absage von 1972 (documenta 5). Ein lange vorbereitetes Projekt, das sich letztendlich nicht verwirklichen ließ, war der Vorschlag der Künstler Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg, den zweitgrößten Meteoriten der Welt, für 100 Tage von Nordargentinien nach Kassel zu bringen – von dem Plan zeugten schließlich ein 3,5 Tonnen schwerer Eisenkubus unweit von Walter De Marias Vertical Earth Kilometer von 1977 (die Masse entsprach der Gewichtsdifferenz aus den Ergebnissen zweier historischer Versuche, den abwesenden Meteoriten zu wiegen) sowie eine Dokumentation des Projekts im Fridericianum.

Inhaltlich wurden die verschiedenen Gedankenstränge der documenta 13 im sogenannten „Brain“ in der Rotunde zusammengeführt: Hier trafen etwa die „Baktrischen Prinzessinnen“ (Steinminiaturen aus Zentralasien um 2000 v. Chr.) auf Fotografien von Lee Miller in der Badewanne Adolf Hitlers, aufgenommen am 30. April 1945, oder Vandy Rattanas Fotografien von Bombenkraterseen in Vietnam auf Flaschen von Giorgio Morandi.

Neben den Neuproduktionen zeitgenössischer Künstler setzten im Fridericianum und in der Neuen Galerie historische Positionen von Künstlerinnen der Moderne wie Hannah Ryggen oder Maria Martins wichtige Akzente. Das Thema Wissenschaft
war durch Versuchsmodelle des Physikers Anton Zeilinger vertreten. Mit die tiefsten Eindrücke hinterließ die documenta 13 aber sicherlich dort, wo sie lange vergessene Orte in der Kasseler Innenstadt reaktivierte: Da war etwa das seit den 1960er Jahren leerstehende und verfallende Hugenottenhaus, das von Theaster Gates und seiner Truppe mit Baumaterial aus Chicago temporär in ein lebendes Kunstwerk verwandelt wurde; gleich nebenan Tino Sehgals 100-Tage-Performance im Dunkel eines Seitenraums des historischen Ballsaals des Hotel Hessenland; Francis Alÿs’ Miniaturgemälde aus Afghanistan in einem leerstehenden Ladenlokal; oder Tacita Deans atmosphärische Kreidezeichnungen afghanischer Landschaften in einem ehemaligen Finanzamtstreppenhaus. Auch Pierre Huyghes von halluzinogenen Pflanzen, einer Frauenskulptur mit Bienenstock als Kopf und einem Hund mit pinkfarbenem Bein bewohntes Areal in einem versteckten Winkel der Karlsaue (Untilled (2012)), Lara Favarettos Industrieschrottskulptur hinter dem Nordflügel des Hauptbahnhofs (Momentary Monument IV (2012)) oder Susan Philipsz’ fragmentierte, auf der Komposition Studie für Streichorchester des 1944 in Auschwitz ermordeten Pavel Haas beruhende Klanginstallation am Ende eines Bahnsteigs gehörten zu den eindrücklichsten Momenten dieser documenta.

Bei ihrer Ausbreitung auf eine Vielzahl von Orten, die neben den herkömmlichen Institutionen wie Fridericianum, documenta-Halle und Neuer Galerie auch Museen mit eigenen Sammlungen wie das Naturkundemuseum im Ottoneum, das Astronomische Kabinett in der Orangerie und das Brüder-Grimm-Museum sowie die beiden Flügel des ehemaligen Hauptbahnhofs und die gesamte Karlsaue (bestückt mit temporären Fertighäuschen) mit einbezog, war die documenta 13 in wenigen Tagen kaum zu bewältigen. Hinzu kamen ein überbordendes Veranstaltungs- und Filmprogramm sowie etliche dauerhaft performativ-„belebte“ Kunstwerke. 12.500 verkaufte Dauerkarten belegen die große Resonanz beim lokalen Publikum. Eine Besonderheit der „Vielleicht Vermittlung und andere Programme“ der documenta 13 waren auch die „Worldly Companions“ – Kasseler Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Hintergründen, die nach Durchlaufen einer Schulung ihr individuelles Wissen über die documenta 13 in sogenannten „d-Tours“ an die Besucher weitergaben.

Mit fast 905.000 Besuchern wurden erneut Besucherrekorde gebrochen. Lange Schlangen, die trotz der Weitläufigkeit den Besuch mancher Ausstellungsorte gegen Ende der Laufzeit der documenta nahezu unmöglich machten, ließen jedoch Zweifel aufkommen, ob ein Mehr an Besuchern in Kassel noch sinnvoll oder überhaupt noch möglich sein würde.


Maria Giakzidou

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8. April–16. Juli 2017

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